Posted by on 29. April 2019

Nichts kann den Sprockhöveler Bergmannstag wohl besser beschreiben als der Rückblick aus der Festschrift des 50 Jährigen Bestehens 1954:

Als der damalige Direktor der Bochumer Bergschule, Geh. Bergrat Dr. phil. Hugo Schultz am 20. Juli 1904 zu Grabe getragen wurde, nahmen in einem großen Trauergeleit auch unzählige ehemalige Bergschüler von ihrem früheren Lehrer wehmütig Abschied.

Nach der Beerdigung trafen sich viele Teilnehmer in der Wirtschaft Fritz Felten, dem damaligen traditionellen Stammlokal der Bergschüler, ,,üm dat Fell tou versupen“, wie es der derbe westfälische Brauch vorschrieb; und an einem Tisch dort versammelten sich auch acht alte Freunde aus Sprockhövel und Umgebung.

Von frühester Jugend sich dem Bergmannsberuf verschrieben, hatten sie etwa zur gleichen Zeit die Bänke der Bergschule gedrückt und waren nach Absolvierung der Oberklasse als junge Beamte in alle Winde zerstreut worden.

Aus der Erinnerung an die schönen Bergschuljahre wurde der Wunsch geboren, sich fortan häufiger wiederzusehen, und der Vorschlag von

Gustav Düsterloh und Fritz Schleicher,

sich zukünftig möglichst in jedem Jahre zu treffen, fand den Beifall der ganzen Tischrunde.

Es wurde einstimmig beschlossen, daß alljährlich ein solches Treffen am Tage vor Himmelfahrt in Sprockhövel stattfinden sollte, und Gustav Düsterloh übernahm die erforderlichen Vorbereitungsarbeiten.

So wurde der Tag der Trauer um den verstorbenen Bergschullehrer zum Geburtstag und die acht Freunde bei Feiten die Gründer unseres Sprockhöveler Bergmannstages!

Zu Ehren unserer Gründer wollen wir ihre Bilder in dieser Festschrift als Andenken bringen und kurz ihren beruflichen Werdegang schildern.

Unseren Dank können wir persönlich durch Händedruck nur noch zwei alten Gründern ausdrücken:

Ewald Aufermann *16.6.1876  und August Mehring * 11.3.1869

Während seines bergmännischen Aufstieges war Ewald Aufermann schon früh durch Tüchtigkeit und Weitblick aufgefallen, so daß ihn Hugo Stinnes 1913 damit beauftragte, den Bergbau in der Türkei zu studieren und die dortigen bergmännischen Unternehmermöglichkeiten zu untersuchen. Er leitete dort schon als junger Direktor mehrere Kohlen- und Erzgruben am Schwarzen Meer.

Nach seiner Rückkehr wurde er 1919 zunächst Bergwerksdirektor bei den Baroper Zechen der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG und nach deren Stilllegung Leiter der Zeche Bruchstraße und später mehrerer Bochumer Zechen der gleichen Gesellschaft, in welcher Stellung er später pensioniert wurde.

Bei der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG war auch August Mehring viele Jahre als Bergwerksinspektor tätig, während er als junger Beamter seine Sporen schon als „Einfahrer“ oder Bergrevier-Inspektor verdient hatte. Es war unser Mitgründer Gustav Knepper, der ihn wegen seiner Tüchtigkeit 1907 zum Inspektor mehrerer Bochumer Anlagen seines Konzerns machte.

Im Betrieb hatte August Mehring seine Augen überall, und ihm verdanken viele Steiger eine gründliche fachmännische Ausbildung.

Wenn sich beide, Gott sei Dank, noch bester Gesundheit erfreuen und einer seltenen körperlichen und geistigen Frische, so können sie das vielleicht der Tatsache zuschreiben, daß sie sich auch nach ihrer wohlverdienten Pensionierung nicht zur Ruhe setzten, sondern beide noch als Berater und Gutachter tätig waren und noch heute sind. Mögen sie beide uns noch viele Jahre erhalten bleiben!

Unser heutiges Gedenken soll auch allen sechs übrigen Berufskollegen gelten, die leider schon von unserem höchsten Bergmeister zur letzten Fahrt abberufen wurden, und unser besonderer Dank soll heute den beiden Männern gelten, die das alljährliche Treffen im Heimatdorf vor 50 Jahren anregten und damit die eigentlichen Gründer waren:

Gustav Düsterloh *30.6.1870 +28.1.1936  und Fritz Schleicher *19.12.1865 + 5.12.1932

Gustav Düsterloh begann seine Laufbahn mit 14 Jahren als Berglehrling und verbrachte nach dem Besuch der Bergschule seine ersten Beamtenjahre auf der Zeche Dahlhusch. Von 1900 bis 1906 war er als Betriebsführer auf der Zeche Alte Haase in Sprockhövel tätig und machte sich nach einem Krach mit seinem kaufmännischen Direktor als Hersteller von Bergwerksmaschinen selbständig. Den schnellen Aufstieg seines Unternehmens verdankte er neben seinem Eifer und Erfindertalent auch zum Teil der Freundschaft mit vielen führenden Bergleuten, die schon auf der Bergschule begründet wurde.

Führte ihn sein Beruf zurück in sein Heimatdorf, so erfüllte ihn stets eine tiefe Liebe zu den heimatlichen Bergen und zur schönen Natur. Seine Heimat verdankt ihm die Gründung der Maschinen-Industrie, die für die Zukunft Sprockhövels von besonderer Bedeutung geworden ist.

In Fritz Schleicher verehren wir den klugen und gütigen Berginspektor der Deutsch-Luxemburgischen Bergwerks- und Hütten-AG, der bei seinen Vorgesetzten wie bei seinen Untergebenen gleich gut gelitten war.

Er zeichnete sich besonders durch seine vorbildlichen Charaktereigenschaften und in jeder Situation durch seine innere Ruhe und Ausgeglichenheit aus. Er war ein humorvoller Erzähler, der bei seinen Kameraden immer gern gesehen und hoch geschätzt wurde und der auf allen Tagungen und auch auf unseren Bergmannstagen mit seinem trockenen Witz alle Herzen sofort für sich gewann.

Beide waren immer, seitdem sie sich auf der Bochumer Bergschule kennen und schätzen gelernt hatten, durch eine herzliche, tiefe Freundschaft verbunden, selbst wenn ihr inneres Wesen in mancher Beziehung verschieden war.

Wie sie stets ihre beruflichen Erfahrungen austauschten, so unterstützten sie sich auch alljährlich bei den Vorbereitungen für die Bergmannstage und bei ihrem Verlauf. Gustav Düsterloh leitete jahrelang den ersten geschäftlichen oder nüchternen Teil der Tagungen während Fritz Schleicher dann die Feuchtfröhlichkeit der Feste hervorzauberte, die alle erfaßte und die zum Schluß auch seinen Vorgänger ansteckte und zum Frohsinn mitriß. So warfen sich die beiden Gründer und Freunde im Beruf sowohl wie in frohen Stunden immer die Bälle zu; vom Himmel herab werden sie auch heute unserem Treiben noch interessiert zuschauen.

Wir wollen unseren Gründern am heutigen Jubiläum versprechen, die alte Tradition hochzuhalten und wie bisher auch bei unseren zukünftigen Bergmannstagen die guten bergmännischen Bräuche, Sitten und Tugenden zu pflegen!

Gustav Alvermann *9.8.1870  + 18.4.1945 verfuhr seine erste Schicht mit 16 Jahren auf der Zeche Blankenburg und ging 1888 nach Langendreer zur Zeche Vollmond. Nach seiner Militärzeit, die er als Pionier in Deutz abdiente, absolvierte er die Bergschule und trat auf der Zeche Hamburg seine erste Steigerstelle an. Auf Shamrock, Christian Lewin und Friedlicher Nachbar erweiterte er seine Kenntnisse, um im Alter von 30 Jahren Fahrsteiger auf Julius Phillip zu werden. Obersteiger wurde er vier Jahre später auf Mathias Stinnes und 1906 Betriebsführer auf Bruchstraße, wo er 1910 zum Inspektor avancierte.

Im Jahre 1921 wurde Gustav Alvermann nach Adolf Hansemann versetzt, leitete ab 1932 außerdem die Zechen Westhausen, Hansa und Tremonia und wurde am 30. September 1935 pensioniert.

Noch zehn Jahre durfte er sich seines Ruhestandes erfreuen, bis beim Einmarsch der alliierten Truppen am 18. April 1945 ein Schlaganfall seinem Leben ein plötzliches Ende setzte.

In seiner Familiengruft in Mengede haben wir ihn zur ewigen Ruhe gebettet. Trotz der turbulenten Zeit hatten sich viele Bergleute, vor allem auch aus dem Kreise der Sprockhöveler Grubenbeamten, zu seiner Beerdigung eingefunden, um dem Manne, der zu den regsten Besuchern unserer Bergmannstage gehörte und der seiner Heimat bis zum letzten Atemzuge treu geblieben war, das letzte Geleit zu geben.

Julius Bachmann * 19.7.1866 +21.10.1934 brauchte nur wenige Jahre, um die Stufenleiter vom Steiger, Reviersteiger Obersteiger zum Betriebsführer emporzusteigen.

Wir kennen ihn eigentlich nur als den langjährigen Betriebsführer auf Schlägel und Eisen 3/4, und bei ihm dürfte vor allem sein tiefes Pflichtbewußtsein hervorzuheben sein, und seine väterliche Art, mit der er seine jungen Beamten behandelte und erziehen konnte.

Auch ihn trieb die Heimatliebe jedes Jahr zu uns, und wenn er einige Bergmannstage nicht mitgemacht hat, so war er sicherlich durch wichtige Arbeiten oder durch Krankheit am Erscheinen verhindert.

Wenn er vielen Kameraden aus Sprockhövel ein treuer Berater war und seine Hilfsbereitschaft die hervorragendste Charaktereigenschaft immer gewesen ist, so erfüllte sein Scheiden aus dieser Welt viele Freunde mit tiefem und echtem Leid!

Ein guter Freund von Julius Bachmann war Heinrich HummeIsiep *9.3.1869 + 16.10.1936, der sich als Betriebsführer der Nachbaranlagen Schlägel und Eisen 5/6 häufig mit ihm zum Dämmerschoppen traf. Er wurde später vom Lothringer Bergbau-Verein Aumetz­Friede nach Castrop berufen, wo er sich als Direktor der Zechen Victor viele Jahre erfolgreich betätigte, die später in den Besitz der Klöckner-Werke übergingen.

Er teufte die Zeche Ickern ab und setzte sie in Förderung. Auch machte er im hohen Alter die Schachtanlagen Werne an der Lippe durch neuen Zuschnitt und völligen Umbau wieder rentabel. So setzte er sich schon zu Lebzeiten viele bleibende Denkmäler.

Die Verbundenheit mit seiner Heimat und sein Vertrauen zu deren Söhnen ließen ihn manchen angehenden Grubenbeamten von Sprockhövel holen, von denen viele ihm ihre fachliche Ausbildung und ihre guten Stellungen im Bergbau verdanken!

Die höchste Stufenleiter der bergmännischen Laufbahn schließlich erreichte der letzte Gründer Gustav Knepper * 25.3.1870 +19.10.1951, der als tüchtiger Praktiker und kluger, und weitsichtiger Bergmann, alle Stellungen vom Hilfssteiger bis zum Generaldirektor der G.B.A.G. innehatte und die rechte Hand von Hugo Stinnes jahrelang war. Seine Verdienste um den Ausbau des rheinisch­westfälischen Kohlenreviers, die später durch die Verleihung des Dr. Ing. e. h. gewürdigt wurden, um die Elektrifizierung, die Trinkwasserversorgung, die Emscher-Regulierung usw. sind derart groß und vielgestaltig, daß wir sie hier nicht alle aufzuzählen vermögen.

Wir sind aber stolz darauf, auch diesen großen Bergmann zu unseren Gründern zählen zu dürfen!

*

Wenn der Bergmannstag in den ersten Jahren nur eine geringe Teilnehmerzahl aufwies, so lag das nicht etwa an mangelndem Interesse, sondern vielmehr häufig daran, daß damals wichtige Reparaturen und Umbauten unter Tage meistens an Feiertagen durchgeführt wurden und daß dann der Arbeitseifer und das Pflichtbewußtsein der Sprockhöveler Beamten so groß war, daß sie diese Arbeiten selbst überwachen wollten oder mußten und deshalb auf die Freuden des Wiedersehens in der Heimat schweren Herzens verzichteten!

Zufällig ist das nachfolgende Bild des 5. Sprockhöveler Bergmannstages, wenn auch ziemlich schlecht, erhalten geblieben, welches eine Teilnehmerzahl von 33 Männern nachweist und insofern auch interessant ist, als die äußere Würde der damaligen Gäste durch viele stramme Bärte betont wurde, die inzwischen fast ganz aus der Mode gekommen sind.

Nach dem ersten Weltkriege mußte ein Bergmannstag auch einmal ganz ausfallen, weil die französische Besetzung des Ruhrgebietes ein Treffen unmöglich machte.

Von Jahr zu Jahr aber wurde die Feier einer stetig wachsenden Anzahl Sprockhöveler Bergbeamten bekannt, weil die Erlebnisse und Freuden derart reich und nachhaltig waren, daß man darüber im Revier sprach, immer neue Freunde einlud und weitere Teilnehmer für das alljährliche Treffen erwärmen konnte.

Nie hat bei uns eine vereinsmäßige Organisation oder ein Statut über die regelmäßigen Zusammenkünfte bestanden, und niemand dachte daran, den Einladungen jemals den Beigeschmack einer verpflichtenden Aufforderung zu geben, sondern aus völlig freien aus eigenem Entschluß heraus fühlte sich jeder Teilnehmer zu den gemütlichen Tischrunden bei Stöter-Tillmann (heutiger Dorfkrug) hingezogen! In dieser Freiwilligkeit unserer Zusammenkünfte liegt vielleicht die Lösung des Rätsels, warum wir uns alle am Ende eines jeden Jahres wieder auf die Wiederkehr des Tages vor Himmelfahrt freuen! Das Erwachen der schönen Natur in den geliebten Heimatbergen zu erleben, ist allerdings auch etwas Besonderes, und ein weiteres Geheimnis für unser Gefühl der Zusammengehörigkeit mag mit dem Umstand verbunden sein, daß jeder Stolz und Standesdünkel bei uns unmöglich ist und jeder Unterschied der Herkunft und Bildung stets ohne Bedeutung blieb, indem wir uns allezeit wie Brüder betrachtet und als gleichwertig behandelt haben.

Indem sich jeder verpflichtet fühlte, zur Unterhaltung beizutragen und dabei ein bestimmtes Niveau zu wahren, wurden unsere Abende zu schönen Erinnerungen und zu einem reichen Erlebnis, indem an diesem Tage jeder Kummer und Ärger und jede Trauer und Sorge einmal für Stunden vergessen werden konnten.

Außerdem war es häufig der Wunsch des schnelleren Vorankommens, den mancher Steiger in seiner Brust mit nach Sprockhövel brachte, um ihn einem Freunde in höherer Position am Bergmannstage vortragen zu können; oder umgekehrt hat sich mancher Betriebsführer oder Inspektor an solchen Abenden einen tüchtigen Revier- oder Obersteiger als treuen Mitarbeiter für seine Anlage verpflichtet, weil man dem strebsamen Kollegen aus der Heimat gerne den Vorzug gab. Also auch die gegenseitige Hilfe und Unterstützung schufen einen Kameradschaftsgeist, wie er selten anderswo angetroffen werden konnte.

Auch im zweiten Weltkriege litt natürlich unser Bergmannstag wieder unter den obwaltenden Umständen, die es uns geraten erscheinen ließen, zwei Feste statt in Sprockhövel im Westfälischen Hof in Bochum steigen zu lassen, um den Teilnehmern dadurch die Anfahrt zu erleichtern.

Rückblickend ist jedenfalls festzustellen, daß sich die Sprockhöveler Bergmannstage durch das, was sie allen Teilnehmern gaben, immer größer werdender Beliebtheit erfreut haben und noch erfreuen, und daß wir uns um die zukünftige Entwicklung keine Sorgen zu machen brauchen, wenn wir es verstehen, die uns verbindenden Ideale hochzuhalten und für das schöne Erbe unserer Vorfahren auch unsere Jugend zu begeistern.

Mit den Gefühlen der Freundschaft, Verehrung und Dankbarkeit wollen wir uns vor unseren Gründern und gleichzeitig im Geiste vor allen Kameraden verneigen, die der Allmächtige schon in sein Reich abberufen hat, und in der Freude unserer Jubelfeier mit herzlichen Dank ein stilles Gedenken auch dem Manne widmen, der viele Jahre unser Vorsitzender war, unsere Gemeinschaft mit großer Liebe und Umsicht förderte und noch so gerne das heutige Fest geleitet hätte:

unserem lieben JuIius Müggenburg !
*5.8.1873 + 5.11.1952

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